Journeys bring power and love back into you. If you can't go somewhere, move in the passageways of the self. They are like shafts of light, always changing, and you change when you explore them.

(Rumi)

Das verborgene Bild - zur Malerei von Barbara Kirsch -

Barbara Kirsch gehört ohne Frage zu den interessantesten gegenständlichen Malern in Norddeutschland. Sie hat über die Jahre eine eigensinnige, in erlebten Momenten, geschauten Situationen und individuellen Erinnerungen wurzelnde Malerei entwickelt: Sie nimmt den Menschen in seiner körperlichen, psychischen und sozialen Gesamtheit zum Anlass, um unsere Lebenswirklichkeit auf der Suche nach existentiellen Kategorien künstlerisch neu zu interpretieren.

Die Malerin wählt Bilder aus der Realität, oftmals dient ein Foto als Ausgangspunkt. Das fotografische "Bild" wird auf der Leinwand durch inszenierte Ausschnitte und geheimnisvolle Leerstellen, freien Wechsel in Stillage und Malmodus, den Kontrast zwischen plastischer Modellierung und künstlicher Flächigkeit, durch Verwischung bis zur Unschärfe, farbige Veränderung und weit getriebene Monochromie überwunden - bis hin zum Schwarzweiß, das man hier auch als mythische Polarität von Licht und Schatten interpretieren darf. Die freie Strichsetzung führt zu knapp formulierten, höchst vitalen Figuren- und Raumbildungen, die bei Barbara Kirsch immer Inhalt und Malerei in einem sind: Pinselstriche und Farbflecken besitzen zwar dingliche Funktion, gleichzeitig verhilft die Künstlerin der Farbe mit heftig eingesetzten Bildmitteln - starkem Kolorit, handschriftlichem Duktus und groben Texturen - zu eindrücklicher, stofflicher Wirkung.

Bewusste Reduktion und gesuchte Verfremdung zielen auf subjektive innere "Bilder" ab. Dieses Umleiten in eine andere Dimension liefert auch malerische Metaphern für die Vielschichtigkeit menschlichen Erlebens. Die gemalten Werke reproduzieren damit nur den Schein einer Wirklichkeit, sind jedoch in eine Ebene von Unwirklichkeit überführt, auf der sie letztlich nur als Malerei wahrnehmbar sind. Entscheidend sind diese frei gelegten, sensiblen Zwischenräume, in denen sich das Bild von den Klischees der Welt entfernt, um rätselhaft, atmosphärisch und innerlich zu werden. Daraus resultieren die wiederholten Irritationen beim Betrachter, wenn er sich auf den zweiten Blick tatsächlich der Kunst und nicht der Wirklichkeit ausgesetzt sieht.

Barbara Kirschs Arbeiten belegen, dass die Überprüfung der Wahrnehmung eine der wesentlichen Aufgaben gegenständlicher Malerei ist. In der Flut virtueller Bilder lässt sich heute Leben nicht mehr von künstlich hergestellter Fiktion unterscheiden. Malerei wird hier zum künstlerischen Klärungsvorgang über das komplexe und ausgesprochen schwierige Verhältnis von Realität, Abbild und Bildwirklichkeit genutzt - Gegensätze, die die Künstlerin zum Vorteil neuer Bildwelten zu vereinigen weiß. Ihre Bilder machen Mut zu eigener, authentischer Wahrnehmung, bewältigen als exemplarisches Muster gleichzeitig die zahlreichen Schocks im Erleben unserer Welt.

(Jens Martin Neumann)

‚In the European tradition, masterpieces are often associated with struggle, suffering, and tragedy. In East Asia, creative people are supposed to be totally relaxed.’

(Kazuaki Tanahashi)

Ich habe auf Schatten Acht gegeben und Folgendes beobachtet: ich habe Seemöwen rückwärts fliegen sehen, ich habe Palmen sich voller Grazie sich im Wind biegen sehen, nachdem sie gefällt worden waren. Ich habe Balkone gesehen, die sich in die Länge dehnten, und Häuser, die sie verschluckten, ich habe riesige Männer zu Kindern schrumpfen und Kinder sich in Riesen verwanden sehen. Ich habe Bäume sich ins Wasser stürzen und Flüsse überqueren sehen, ich habe Regenrohre und Dachrinnen sich in Schleier verwandeln sehen, die sich über ganze Gebäudewände legten. Ich bin leicht wie eine Amsel Zypressen bis zu ihren sich wiegenden Wipfeln hinaufgeklettert, ich habe Frauen durcheinander hindurch gehen sehen, ich habe die Bahn der Sonne in einer Schüssel verfolgt. Ich habe gelernt, dass Licht sich in Schatten und Schatten sich in Licht wenden kann. Dies waren flüchtige Begegnungen, zunichte gemacht durch den Lauf der Sonne, durch das Nacheinander von Tag und Nacht.’

(Roberto Casati)

‚Schon bei Ludwig Wittgenstein mündet die philosophische Frage, ob eine ‚unscharfe Photographie überhaupt ein Bild eines Menschen’ sei in die Überlegung, ‚Ist das Unscharfe nicht oft gerade das, was wir brauchen?’ Die These: Auf einem solchen Bild ist am meisten zu sehen.’

(Jürgen Schreiber)